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DER HOCHRHEIN - eine alemannische Flußlandschaft
von
Andreas Gruschke
Textausschnitte
erschienen im Schillinger Verlag, Freiburg i. Br. 1995
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Der «Hochrhein
- eine alemannische Flußlandschaft» ist nicht nur ein
abwechslungsreicher Bildband, sondern auch ein "Geschichte- und- Geschichten-
Buch", der kurzweilig von einer der schönsten und doch wenig vertrauten
Landschaften im süddeutschen Baden berichtet. Dabei kommt nicht nur
die Landschafts- und Kulturgeschichte zu Wort, sondern es werden über
die wichtigsten und schönsten Orten entlang der verträumten Flusslandschaft
auch solche Mythen, Legenden und Anekdoten zum Besten geben, die wir andernorts
so gerne hören und zu Hause immer mehr vergessen...
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Der Poppele vom Hohenkrähen
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Weil
er einst einen ihn ob seiner Magerkeit verspottenden Abt ins Verließ
geworfen hatte und von jenem darum verflucht worden war, soll der im 14.
Jahrhundert lebende Hohenkräher Burgvogt Johann Christof Popelius
Maier bis heute als der „Poppele vom Hohenkrähen" durch den Hegau
spuken. Dort existiert daher ein Hausschatz von Sagen, die vom Schabernack
berichten, den der Poppele - eine Art Hegauer Eulenspiegel - als Geist
mit Fuhrleuten, Geizkragen und Säufern, insbesondere aber mit Geistlichen
trieb. So ist uns von Ludwig Finckh die Geschichte einer Äbtissin
von Amtenhausen überliefert, die einst am Fuß des Hohenkrähen
vorüberzog. Der Poppele blockierte die Räder ihrer Kutsche. Als
weder Beten noch das Angebot eines Lösegeldes weiterhalf, soll die
Äbtissin verzweifelt gefragt haben:
"Was soll ich denn
tun, Herr Poppele, daß Ihr mich weiterlaßt?"
"Eine Kleinigkeit.
Nur einen saftigen Fluch aus eurem Munde will ich hören."
"Kotz Heidenblechle!"
"Zu schwach, viel
zu schwach."
Daraufhin soll ihr
der Kutscher einen von Herzen kommenden Fluch eingeflüstert haben,
den sie zum besten gab: "Da soll doch ein Heiligkreuzsiedigsdonnerwetter
euch den Arsch verreißen!"
Worauf der Poppele
gelacht haben soll: "Brav, Frau Äbtissin!" und der Wagen weitergerollt
sei. |
Das Hexlein
(von Johann Peter Hebel) |
Und wo n i uf em Schnidstuehl
sitz
für Basseltang und Liechtspö
schnitz,
se chunnt e Hexli wohlgimuet
und frogt no frey: «Haut's
Messer guet?»
Und seit mer frey no Guete Tag!
Und wo n i lueg, und wo n i sag:
«'s chönnt besser goh,
und Große Dank!»
se wird mer's Herz uf eimol chrank.
Und uf und furt enanderno;
und wo n i lueg, isch's nümme
do,
und wo n i rüef: «Du
Hexli, he!»
se gitt's mer scho kei Antwort meh.
Und sider schmeckt mer's Esse nit,
stell umme, was de hesch und witt;
und wenn en anders schlofe cha,
se hör i alli Stunde schla.
Und was i schaff, das grotet nit;
und alli Schritt und alli Tritt,
se chunnt mer ebe das Hexli für,
und was i schwätz, isch hinterfür.
's isch wohr, es het e Gsichtli
gha,
's verluegte si en Engel dra,
und 's seit mit so 'me freye Muet,
so lieb und süeß: «Haut's
Messer guet?»
Und leider han i's ghört und
gseh,
und sellemols und nümmemeh.
Dort isch's an Hag und Hurst verbey
und witers über Stock und Stei.
Wer spöchtet mer mi Hexli us,
wer zeigt mer siner Muetter Hus?
I lauf no, was i laufe cha,
wer weiß, se triff i 's doch
no a!
I lauf no alli Dörfer us,
i suech und frog vo Hus zue Hus;
und würd mer nit mi Hexli chund,
se würd i ebe nümme gsund.
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Wie der Papst von den alt-aargauischen
Städten bewirtet worden ist

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Die Kirchenversammlung zu
Konstanz war beendigt, Hus und Hieronymus verbrannt, Papst Johannes entsetzt,
Papst Martinus V. gewählt, der Österreicher-Herzog Friedrich
mit der leeren Tasche durchgegangen. Also auch reiste Martinus ins Welschland
heim. Am 16. Mai 1418 machte er sich in Konstanz auf mit einem Gefolge
von 6000 Rossen und einigen zwanzig Kardinälen. Schon in Schaffhausen
mußte er der engen und bösen Wege halber einen Theil seines
Trosses zurücklassen, damit er rascher fortkommen und namentlich bis
zum 20. Mai in Bern eintreffen könne, wo man ihn bereits des Bestimmtesten
erwartete. Mit geringerer Begleitung erreichte er so das erste Aargauer-Städtchen
Brugg und hielt hier sein Nachtlager. Die Bürgerschaft suchte ihm
das Allerbeste zu bieten, was rings um die bescheidenen Mauern wächst,
und kochte ihm eine rosenrote Kirschensuppe. Martinus begnügte sich
mit dieser illuminierten Fastenspeise und ritt des andern Tages ins zweite
Städtchen Lenzburg. Auch dies bestrebte sich, die päpstliche
Mittagstafel mit dem zu besetzen, was es selber für das Vorzüglichste
hielt, und ließ jenen mit Sauerklee gemischten grünen
Ziegerkäse von ätzendem Geruch auftragen, den man erst raspeln
und schaben muß, um ihn beißen zu können; wegen dieser
zahlreichen Tugenden und seiner kuriosen Form halber heißt er Schabziegerstock.
Auch wieder ein Fasttag! dachte sich der Papst, suchte baldmöglichst
vom Tafelgeruche weg in die freie Luft zu kommen und reiste in das zwei
Stunden entfernte Aarau weiter. Die Rivalität dieses Städtchens
gegen seine übrigen Landesschwestern war damals nicht geringer als
heute; um also deren Luxus weit zu überbieten, kochte es die heute
noch geltende Lieblingsspeise, eine mächtige Schüssel weißen
Breies von solcher stockenden Beschaffenheit, daß man ihn nach Zähigkeit
und Konsistenz Pappe nennt. Wie strenge doch diese Aargauer zusammen
mein Fastenmandat halten, dachte sich der blöde Magen des heiligen
Vaters. Hier war's Abend geworden. Also schlief man aus Erschöpfung
bald ein und reiste am andern Tage in das zwei weitere Stunden entfernte
Städtchen Olten. Die zahlreichen Frösche der dortigen Wässerwiesen
sind von alters her von den Kapuzinern daselbst schmackhaft befunden worden;
daher kochte man dem hohen Gaste eine breite Froschsuppe. Das sind ja Christen
der striktesten Observanz! meinten die hungernden Kardinäle. Doch
sie konnten sich heute trösten; Schloß und Stadt Aarburg liegt
hier so nahe, daß es mit seinen Turmspitzen fast in die Froschgräben
Oltens hereinschaut. Dahin also brach man baldmöglichst auf. Dort
aber sind in Hecken und Hägen die Schnecken so reichlich zu finden,
daß das kleine Städtchen in der ersten Eile natürlich beschloß,
seinen großen Besuch damit zu überraschen. Jedoch fünf
Fastenmahlzeiten hintereinander, die schlechten Wege, die harten Betten
- das war sogar einem Papste zu viel. Nur mit stolzem Zahne hatten seine
Römer die Amphibiumskost berührt; für ihn war es ein bloßes
Schauessen geblieben, er bestieg seufzend sein Maultier und ritt der Stadt
Zofingen zu. Warum er die paar Stunden dahin in einer machte, läßt
sich denken. Kaum war er daselbst im Moritzenstift abgestiegen, so erschienen
mit Kreuz und Fahne zwölf Schulbuben in Mänteln und Chorröcken
und deklamierten ihm - lateinische Verse! Ohe, jam satis! - schon saß
dies Wörtchen des Überdrusses auf den Lippen des geplagten Kirchenfürsten,
siehe, da senkten sich die Fahnen und Prozessionshimmel, die Reihe öffnete
sich und durch ihr Spalier heran schritt ein mit Hahn, Fasan und Rebhuhn
überhangener, blumenbekränzter, goldhorniger Mastochse. Gerührt
stiftete Martinus auf der Stelle ein Schülerstipendium, und erzählte
nachher über Tische seine neuesten Tafelerlebnisse mit herablassender
Heiterkeit. Und seit dieser Zeit heißen die Brugger Chriesisüppler,
die Lenzburger Schabziegerstöckli, die Aarauer Pappehauer, Oltner
und Aarburger Schnecken und Frösche; die Zofinger aber, die bis heute
starke Lateiner geblieben sind, und das angebliche päpstliche Stipendium
auch jetzt noch unter der Benennung Fronfastengeld jedes Quartal ihren
besten Lateinschülern verteilen, heißen Ochsen. Ein fliegendes
Blatt aus der Neuzeit reimt darüber:
Der Scherz mahnt
alter Zeiten dich,
Wo man noch scherzt,
da liebt man sich. |
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